Ingelheim

Wirtschaftstag 2020 mal ganz anders

Es war ein ungewöhnlicher Wirtschaftstag dieses Jahr: Statt Hunderter von Gäste und entspannten Netzwerkzonen standen in der Ingelheimer Kultur- und Kongresshalle kING viele Kameras. Mischpulte und Monitore. Anwesend waren nur die Diskussionsteilnehmer und Mitwirkenden. Doch die Themen waren aktuell wie selten.

2020 lief der Wirtschaftstag ausschließlich via Live-Übertragung.
Ursula Hartmann-Graham, Stefan Langenfeld, Christoph Lanz und Eveline Breyer erörterten die aktuelle Situation in den Kommunen.
Volksbank-Chef Horst Weyand, die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit, Heike Strack, Moderator Christoph Lanz, Sparkassen-Vorstand Peter Scholten und ISB-Chef Ulric Deheimer im Gespräch.

Der neuerliche „Lockdown-Light“ bremst das Leben zwar nicht ganz so extrem herunter wie im Frühjahr, dennoch sind die Auswirkungen auf Wirtschaft und Politik kaum abzusehen.
Homeoffice, Kurzarbeit, Werksschließungen, Entlassungen – Herausforderungen von historischem Ausmaß.
Gerade viele mittelständische Unternehmen zeigen aber, wo ihre Stärken liegen: in der Flexibilität und schnellen Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Rahmenbedingungen.
Wie haben Unternehmen die Herausforderungen bewältigt? Welche neuen Geschäftsideen konnten sich etablieren? Und wie werden sich die Wirtschaft und das Leben in den nächsten Jahren entwickeln? Diesen Fragen widmet sich auch der diesjährige Wirtschaftstag der Regionalinitiative Rhein-Nahe-Hunsrück.

Aus Mainz zugeschaltet war Landtagspräsident Hendrik Hering, der ein Grußwort des Landes überbrachte und die föderalen Strukturen der Bundesrepublik lobte, die ein regional angepasstes Vorgehen ermöglichen.
Die Beigeordnete des Landkreises Mainz-Bingen, Ursula Hartmann-Graham, und die Ingelheimer Bürgermeisterin Eveline Breyer warfen einen Blick warfen einen Blick auf die Situation in der Region. Hartmann-Graham zeigte sich insbesondere im sozialen Bereich besorgt. „Wie geht es den Menschen, die sich aus Sorge insbesondere zu Hause aufhalten? Viele haben mit Einsamkeit zu kämpfen.“
In Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung sieht sie den Landkreis gut aufgestellt. „Gerade bei den großen Arbeitgebern sind die Einbrüche zum Glück nicht zu stark.“ Insbesondere im Dienstleistungsbereich erkennt sie allerdings Bedarf für weitere Unterstützungen. „Im Rahmen unserer Möglichkeiten stehen wir bereit, die Unternehmen zu unterstützen.“
Ingelheims Bürgermeisterin Eveline Breyer beklagte vor allem den schlechten Zustand des Kultursektors. Direkt betroffen ist die Stadt über die Kultur- und Kongresshalle kING. Kleiner Lichtblick: Die Halle wird nun unter der Woche verstärkt von Unternehmen für digitale Kongresse genutzt. „Wir haben hier die digitalen Voraussetzungen und eine gute Internet-Anbindung.“
Sorgen bereiten ihr allerdings die Dienstleistungsbranche und die Gastronomie Sorg. „Die meisten Gastronomen sind sehr kreativ. Allerdings kann man dadurch Verluste nicht auffangen, denn die Menschen kommen einfach nicht zu einem Gläschen Wein und setzen sich gemütlich zusammen.“

Einen für viele überraschend positiven Ausblick boten Heike Strack, die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Mainz, Peter Scholten, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rhein-Nahe, sein Kollege Horst Weyand von der Volksbank Rhein-Nahe-Hunsrück und Ulrich Dexheimer, Vorstand der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz. Für die wirtschaftliche Entwicklung im kommenden Jahr zeigten sie alle: Daumen nach oben.
Die Gegenwart bietet allerdings noch zahlreiche Probleme: „Das Ausmaß, in dem das Thema Kurzarbeit derzeit von uns zu bewältigen ist, habe ich in meinen 40 Jahren bei der Agentur für Arbeit bisher noch nicht erlebt“, so Heike Strack. Es seien Branchen betroffen, die sich bisher noch nie mit dem Thema Kurzarbeit auseinander setzen mussten: Sogar Arztpraxen hatten Kurzarbeitergeld beantragt.

Ulrich Dexheimer berichtete über die Arbeit der IBS. Sie war dafür verantwortlich, das Geld aus den Soforthilfeprogrammen von Bund und Land auszuzahlen. Anfänglich gab es durchaus Kritik am langsamen Tempo der Auszahlungen und an scheinbar zu viel Bürokratie. „Ich glaube nicht, dass zu viel Bürokratie im Spiel war“, so Dexheimer. „Wir haben 110.000 Anträge innerhalb kürzester Zeit erhalten. Wir bewältigen in der Regel 4.000 bis 5.000 Anträge pro Jahr.“ Außerdem habe es einige Wochen gedauert, bis überhaupt klar war, wer und unter welchen Bedingungen gefördert wird.
„Uns erreichten in den ersten drei Tagen 40.000 Anträge. Bei all dem wollten wir aber sicherstellen, das es in großem Maße Missbrauch gibt.“

Die beiden Bankvorstände Peter Scholten und Horst Weyand betonten, dass es beiden Häusern nun in erster Linie darum gehe, Unternehmen zu stützen und über den Winter zu bringen. Beispielsweise wurde ein Programm entwickelt, in dem für gastronomische Betriebe die Staatlichen Überbrückungshilfen vorfinanziert werden können. „Dabei beachten wir natürlich kartellrechtliche Vorgaben“, schmunzelte Horst Weyand.
Insgesamt sahen alle Beteiligten die Situation der Unternehmen zwar angespannt, aber mit guten Aussichten für die Zukunft.
Kreditausfälle seien für die Regionalbanken nicht in größerem Stil zu erwarten. „Wir haben keine Wirtschaftskrise, sondern eine Gesundheitskrise, die erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen hat“, so Weyand. „Das anhaltend niedrige Zinsniveau bietet weitaus größere Herausforderungen für die Zukunft“, so Peter Scholten.

Zum Abschluss wurde Trendforscher Matthias Horx aus Wien zugeschaltet. Wie sieht die Zukunft nach Corona aus, wie entwickeln sich die ländlichen Räume, welche Auswirkungen hat die Pandemie auf unsere Arbeits-, Lebens- und Konsumgewohnheiten? Fragen, die er genauso beantwortete wie die Zukunft der ländlichen Räume. Für sie sieht er großes Potenzial.

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