Ingelheim

„Wir brauchen die Briten“

Bofinger gegen Sinn – eine Partie, im Fußball würde man sagen: ein „Classico“. Beide renommierte Wirtschaftswissenschaftler, beide streitbar – und beide Vertreter unterschiedlicher volkswirtschaftlicher Schulen. Da sind engagierte Diskussionen vorprogrammiert.

(v. l.) Sparkassen-Vorstand Andreas Peters, Landrätin Dorothea Schäfer, Moderatorin Gundula Gause, Prof. Dr. Peter Bofinger, Vorstandsvorsitzender Peter Scholten, Landrätin Bettina Dickes, Prof. Dr. Hans-Werner Sinn und Sparkassen-Vorstand Steffen Roßkopf.
Hans-Werner Sinn: "Die Hütte brennt in Europa".
Peter Bofinger: "Am wenigsten Angst habe ich vor einem Handelskrieg Trumps."

Professor Dr. Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, und Prof. Dr. Hans-Werner, früherer Direktor des Ifo-Instituts in München, waren am Mittwochabend Gast der Sparkasse Rhein-Nahe im Ingelheimer kING. Dorthin hatte die Sparkasse Rhein-Nahe ihre Kunden und Freunde zum traditionellen Wirtschaftspolitischen Vortrag eingeladen. 

Während der letzten Jahrzehnte wurde er in Bingen veranstaltet, erstmals nun ein neuer Ort. „Wir haben so viele Gäste, dass dies in Bingen den Rahmen gesprengt hätte.“

Und die Besucher durften sich auf zwei spannende Vorträge und eine Diskussion freuen. „Wir sind uns in 99 Prozent der Fragen einig, bei dem einen Prozent wird’s aber interessant“, so Sinn. 

Einigkeit herrschte darin, dass der Aufschwung an Dynamik verloren hat. „Es ist die Mischung aus Trump’schen Drohungen, der durch die EU beschlossenen Grenzen für CO2-Werte, die Dieseldiskussion, Brexit und die Situation in Italien – „Das ist ziemlich viel auf einmal …“, so Sinn.  „Die dunklen Wolken sind zu sehen, ob es regnen wird, werden wir sehen.“

Auch in Bezug auf den Brexit waren sie auf einer Linie. Sie zeigten sich skeptisch, dass das Brexit-Abkommen zustande kommt. Ihre Prognose: Das Abkommen wird vom Unterhaus abgelehnt, denn es ist die schlechtestmögliche Lösung für die Briten. „Sie müssen sich an die Regeln der EU halten, ohne sie mitbestimme zu können“, das macht überhaupt keinen Sinn“, so Bofinger. Doch bei einem ungeregelten Brexit drohe ein Bürgerkrieg in Nordirland. „Es gibt dann keine Lösung für das Nordirland-Problem. Der erste Zöllner, der an eine harte Grenze gestellt würde, wird von der IRA erschossen. Deshalb glaube ich nicht, dass Theresa May eine Mehrheit im Unterhaus bekommt“, so Sinn. Ihrer beider Hoffnung: das Datum des Austritts wird nach hinten verschoben – die politische Stimmungslage verändert sich und es gibt ein neues Referendum, das den Verbleib in der EU fordert.

Bofinger: „Die Situation ist absurd, zu vergleichen mit der Vorstellung, sich ein Bein zu amputieren und dann zu hoffen, mit einer Prothese schneller laufen zu können.“ 

Sinn: „Wenn das Abkommen durchgeht, ist das eine Katastrophe auch für uns. Am vernünftigsten wäre es, wenn es Abkommen abgelehnt wird und sie drin bleiben. Wir brauchen sie.“

Hans-Werner Sinn zeigte sich weniger angesichts der Italienischen Schulen besorgt, als in Bezug auf die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. 

„Wieso dem Staat nicht 20 oder 30 Milliarden Euro geben. Unser Interesse ist doch, dass Italien stabil bleibt“, fragte Peter Bofinger. „Die Löhne würden dauerhaft zu hoch bleiben“,hielt Sinn dagegen. Er kritisierte rückblickend die Einführung des Euro. „Die Italiener wurden durch den Euro zu teuer.“

Der Euro habe die Länder gegeneinander aufgebracht und keinen Frieden gebracht. „Wenn wir keine Lösung finden, wird das große europäische Einigungswerk fallen“, mahnte er.

Weitere Nachrichten